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Die Geschichte von Josef Wagenholzner

Josef Wagenholzner startet 1970 seine 3-jährige “Traum-Lehre” als KfZ-Mechaniker und Landmaschinenschlosser. Montiergrube, Schweißen von abgebrochenen Teilen oder undichten Auspuffrohren, „Ausklopfen“ und Kitten von verbeulten Teilen, Lackieren von havarierten Autos, Schmieren, Ölwechsel alle 5.000 km, etc. gehören von nun an zu seiner Tagesordnung. Repariert wird alles „was sich dreht und bewegt“ und Reparaturen von Automarken aller Art finden statt. Sein lässiger blauer Overall mit der großen Aufschrift Michelin, seine nach Getriebeöl riechenden Haare machen ihn zum Star im Freundeskreis. In der Frühstückspause kann man fragen: “Hast du gestern den Film gesehen?“; nach dem Programm oder dem TV-Sender braucht man nicht fragen, nachdem es nur einen Sender gibt; Niki Lauda fährt zu diesem Zeitpunkt in der Formel 1 noch hinterher, Franz Klammer ist noch nicht Olympiasieger und die Reichsbrücke in Wien steht noch.

Mitte der 1970er Jahre kommen sogenannte „Tester“ in die Werkstätte; die Zündfolge und Werte können elektronisch gemessen werden, aus der Montiergrube wird eine Hebebühne. In den 80er Jahren werden in der Werkstätte zunehmend nur noch die eigenen Marken serviciert; havarierte Teile werden nicht mehr repariert, sondern nur mehr getauscht. Durch elektrische Fensterheber, Klimaanlage, etc. gewinnt die Elektrik gegenüber der Mechanik zunehmend an Bedeutung.auto

In den 90er Jahren findet die Elektronik Eingang in die Autos. Diese beginnen zu sprechen und Bordcomputer übernehmen zunehmend Funktionen – aus dem Mechaniker wird ein Mechatroniker. Laufende Schulungen und Weiterbildungen sind Pflicht. Das Papier verschwindet in den 2000er Jahren zunehmends; Arbeitsaufträge werden über Computerprogramme übermittelt und Handbücher sind in Wissensmanagementsystemen inklusive Videos vom Hersteller abrufbar. In den 2010er Jahren ist das Tablet mit Apps für Dokumentation, Wissensmanagement, Scanning mit automatischer Ersatzteilbestellung, … ein Instrument, welches dem Drehmomentschlüssel gleichwertig ist. Ohne dem Abrufen der Daten vom Bordcomputer über den „Key“ kann das Auto nicht mehr serviciert werden.

Seit 2019 wird mit AR- und VR-Brillen experimentiert. Josef fällt es zunehmend schwerer mit den rasanten Entwicklungen mitzukommen. Auch wenn er heute fast in einem „weißen Mantel” als „Autodoktor oder Computerprofi“ seine Arbeit verrichten kann, sehnt er sich manchmal nach dem Geruch des Getriebeöls und der „Flex“ in der Spenglerei zurück. In den nächsten Monaten ist es seine Aufgabe, seinen Nachfolger einzuschulen. Er freut sich auf sein neues Elektroauto, das er allerdings ohne fremde Hilfe nicht mehr reparieren wird können. Nach 50 Jahren muss er dann zum ersten Mal in seinem Leben in eine Auto-Werkstätte fahren.pixabay 103

Die Grenzen zwischen BLUE und WHITE lösen sich auf; Dokumentationen, Auftragssysteme, Wissensmanagement, Integrierte Systeme zur Produktionsplanung, Sicherheitsschulungen, Recherchen, … werden über Tablets, Smartphones, … mobil genutzt. Jobs in Gewerbe und Industrie sind heute vielfach digitaler als klassische Bürojobs.

In naher Zukunft werden Virtual Reality und Augmented Reality durch Building Information Modelling, end-to-end-Prozessen in allen Bereichen DIGITALE REALITÄT und wir können nur mehr vom NEW COLLAR WORKER* sprechen.

Und selbst das ist zu hinterfragen, nachdem COLLAR vom lateinischen „collare” – „Halseisen für Sklaven“** kommt und damit Arbeit in einem eigenartigen Bild erscheinen lässt, sollten wir nur noch vom NEW TEAM WORKER*** sprechen.

Wenn wir Talent- und Kompetenzmanagement im Unternehmen aktiv gestalten [wollen], dann muss uns bewusst sein, dass wir auf Mitarbeiter/innen und Führungskräfte treffen, die bereits 1955 geboren sind, 1970 in das Berufsleben eingetreten sind und 2020 regulär in den Ruhestand treten, ebenso wie „digital natives“, die 2005 geboren sind.

Das Talent- und Kompetenzmanagement muss maßgeschneidert und individuell auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Ausgangslagen abgestimmt sein.

 
Talent und Kompetenzmanagement2
 

* Wegenberger, J. & Prochaska, B. [2014]: Strategisches Kompetenzmanagement; Vortrag im Rahmen der Business Circle PoP

** PONS Online Wörterbuch. [Zugriff: 17.01.2020]: https://de.pons.com/%C3%BCbersetzung/latein-deutsch/collare

*** Wegenberger, J. & Prochazka, P.: Business Breakfast Talent und Kompetenzmanagement; München 2016